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I N T E R V I E W M I T S T A R - R E G I S S E U R R O L A N D E M M E R I C H Die Prophezeiungen der Maya und das Ende der Welt
Interview mit Roland Emmerich zu seinem Film „2012“
JM: Vor einigen Jahren gab es eine TV-Dokumentation über Sie mit dem Titel „Master of Desaster“. Stellt Ihr neuer Film „2012“, in dem die ganze Welt durch einen gigantischen Tsunami, eine riesige Flutwelle vom Untergang bedroht wird, gewissermaßen der Abschluss einer Trilogie dar, die mit „Independence Day“ begann und in „The Day after Tomorrow“ seine Fortsetzung fand?
RE: Nun, eigentlich wollte ich nach „Day after Tomorrow“ gar keinen Desasterfilm mehr drehen. Aber als wir dann die Idee zu „2012“ hatten, Harald Kloser (der Co-Autor des Drehbuchs) und ich, da wurde mir schnell klar: Doch, einmal musst du es noch machen. Dafür war die Idee einfach zu gut. Denn es handelt von der Neuerzählung einer der ältesten Geschichten der Menschheit überhaupt: die Geschichte von der Sintflut, die jegliches Leben auf der Welt auslöschen kann. Versionen dieser Geschichte gibt es überall auf der Welt. Zu allen Zeiten haben die Menschen offenbar in der Angst gelebt, morgen könne alles vorbei sein, irgendeine Katastrophe könne sie auslöschen.
JM: Auch bei den Maya gibt es die Geschichte von der Sintflut. Und in ihrem legendären Kalender spielt das Jahr 2012 eine zentrale Rolle. Waren die Prophezeiungen der Maya der Auslöser für die Filmidee?
Nicht wirklich. Es stimmt, dass der Maya-Kalender 2012 endet. Allerdings glaube ich nicht daran, dass 2012 die Welt untergeht. Für uns stand, wie schon gesagt, die Idee zur Geschichte am Anfang. Stell dir vor, dieser Fall würde tatsächlich eintreten: Die Regierungen der Welt, das heißt natürlich die der mächtigsten Staaten, wüssten, dass so etwas wie eine Sintflut oder ein Monster-Tsunami bevorsteht – würden sie es den Menschen sagen oder nicht? Meine Überzeugung ist, dass sie die Gefahr der Öffentlichkeit gegenüber verschweigen und sich nach Wegen und Mitteln umschauen würden, zunächst einmal sich selbst und ein paar Vertraute zu retten.
JM: Aber warum heißt der Film dann „2012“? Sobald man diese magische Jahreszahl anspricht, lässt sich doch kaum noch verhindern, dass jeder an den Maya-Kalender und an die Untergangsprophezeiungen der Maya denkt.
Die Verbindung gibt es natürlich, und sie ist auch gewollt. Am Anfang aber hatten wir die Idee, die Theorie der Erdkrustenverschiebung von Charles Hapgood zum Hauptthema des Films zu machen, die einen Erklärungsansatz für das Entstehen einer Sintflut liefert. Dann haben wir recherchiert und sind auf Bücher gestoßen, die diese Theorie mit den Prophezeiungen der Maya in Zusammenhang bringen.
JM: Es handelt sich also eher um eine Anspielung auf die Maya? Oder spielen deren Untergangsprophezeiungen im Film eine tragende Rolle?
Das nicht. Die Maya waren immer sehr beschäftigt mit ihrem möglichen Untergang. Und sie glaubten, die Erde sei in der Vergangenheit bereits mehrere Male untergegangen und neu geschaffen worden. Das ist eine Vorstellung, die in meinen Augen schon etwas Bestechendes hat.
JM: Heißt das, wir können aus dem Untergang der Maya bzw. aus deren Vorstellungen über das Ende eines Zeitalters etwas lernen?
Ja, immer wenn man zurückschaut, kann man in gewisser Weise auch sehen, was in der Zukunft geschehen könnte. Ich habe immer schon geglaubt, dass sich Geschichte wiederholt. Die Erde, die menschliche Gattung hat in der Vergangenheit mehrere Untergänge erlebt, und es hat auch viele größere Naturkatastrophen gegeben, von denen wir heute nichts mehr oder nur sehr wenig wissen. Es gibt ja einige Wissenschaftler, die fest davon überzeugt sind, dass es in der Vergangenheit Katastrophen gegeben hat, die ganze Zivilisationen zerstört haben. Wer das glaubt, und ich gehöre zu diesen Leuten, der gelangt zu der Überzeugung, dass man daraus etwas für die Zukunft lernt, z. B. dass man als Mensch immer für den Tag leben sollte, immer in dem Bewusstsein, dass morgen schon alles zu Ende sein könnte.
JM: Sie haben eben die Theorie der Erdkrustenverschiebung erwähnt. Die stammt von Charles Hapgood, einem Forscher, der nicht unumstritten und zudem ziemlich unbekannt ist, zumindest in Europa. Können Sie etwas mehr zu dieser Theorie sagen?
Ja, Charles Hapgood hat sich, wie viele vor und nach ihm, die Frage gestellt, wie es geschehen kann, dass ein ganzer Kontinent plötzlich gefriert und völlig vom Eis bedeckt ist. Daraus hat er seine Theorie entwickelt, dass eine plötzliche Verschiebung der Erdkruste eine Verschiebung der Pole verursachen könnte. In einem solchen Fall würden Gebiete, die eben noch in gemäßigten Zonen lagen, innerhalb kürzester Zeit in Polarzonen verschoben werden und alles Leben wäre auf einen Schlag beendet.
JM: Wenn ich das richtig verstanden habe, wird diese Erdkrustenverschiebung durch den Einfluss der Sonne auf das Erdinnere bewirkt.
Es gibt Theorien, denen zufolge Sonnenstrahlungen auf das Erdinnere einwirken und Katastrophen auslösen können. Übrigens haben auch die Maya geglaubt, dass die Erde durch die Sonne zerstört wird. Aber das ist alles sehr kompliziert. Ich glaube auch nicht, dass es wirklich so wichtig ist, ob die Sonne hierfür verantwortlich ist und auf welche Weise. Wir haben für unsere Geschichte eine mögliche Erklärung gesucht, wie eine Sintflut entstehen kann. Eigentlich können nur riesige Tsunamis so etwas bewirken, und genau das zeigen wir in „2012“. Solche Monster-Tsunamis entstehen durch unglaublich starke Erd- und Seebeben, und die würden im Fall einer plötzlichen Erdkrustenverschiebung tatsächlich entstehen.
JM: Wird es nach „2012“ überhaupt noch Katastrophenfilme geben können, wenn Sie die Messlatte so hoch legen?
Es wird immer wieder Neues geben, das liegt in der Natur der Sache. J. J. Abrams hat verkündet, dass er ein Remake von „Erdbeben“ drehen will. Vielleicht sollten wir ihm ein Preview von „2012“ schicken, dann lässt er das womöglich sein. (lacht)
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