Interview mit Sabine Bohlmann

Anlässlich des Erscheinens der ersten beiden Bände ihrer neuen Buchreihe "Wummelies wunderbare Welt" hat die Autorin Sabine Bohlmann am 17.09.2009 ein Interview gegeben:


I N T E R V I E W   M I T   S A B I N E   B O H L M A N N 

KH: Frau Bohlmann, die Heldin Ihrer neuesten Kinderbuchreihe lebt allein mit Hühnern und Ziegen auf einem Hausboot. Was macht eigentlich der Vater des Mädchens? Ist er ein berüchtigter Pirat?

SB: Ich merke, Sie haben mein Buch noch nicht gelesen!!! Nein, Wummelies Vater ist kein Pirat. Wummelie ist ein Mädchen von der Sippe der Bootsmenschen. Die leben auf Hausbooten und fahren die Flüsse entlang. Als Wummelie endlich ihr eigenes Hausboot bekommt, das ihr "Papajan" für sie gebaut hat, ist sie überglücklich. Doch eines Nachts wird ihr Boot von den anderen los gerissen - und als das Mädchen morgens aufwacht, ist es ganz allein, abgesehen natürlich von Hennilotte dem Huhn und Vanille der Ziege; aber weit und breit sind keine anderen Bootsmenschen zu sehen. So fährt Wummelie nun mit ihrer kleinen Mannschaft die Flüsse entlang und sucht nach ihrer Familie ...

KH: Na ja, bei der Piratenfrage hatte ich eher an „Pippi Langstrumpf“ – die lebt ja auch allein, während ihr Vater die Meere unsicher macht.

SB: (lacht) Ein schöner Vergleich – natürlich hätte ich nichts dagegen, wenn Wummelie mal so bekannt würde wie Pippi. Wenigstens ein bisschen. Und natürlich ist das eines der Bücher, die ich als Kind mit Begeisterung gelesen und später meinen eigenen Kindern vorgelesen habe.

KH: Wie sind Sie auf diesen ungewöhnlichen Namen Wummelie gekommen?

SB: Der Name ist mir irgendwann zugeflogen, als ich meiner Tochter eine Geschichte erzählte. Wir warteten auf den Bus, der aber nicht kam, weil die Haltestelle verlegt worden war, was wir allerdings nicht bemerkt hatten. Und so überbrückten wir die Zeit und erfanden die Geschichte von einem kleinen Zigeunermädchen, das auf einem Hausboot lebt und sich jedes Jahr zum Geburtstag einen eigentümlichen Namen schenkt.

KH: Ich kann mir ja vorstellen, dass viele Mädchen, die Ihre Bücher lesen, gerne wie Wummelie auf einem Hausboot leben würden - ohne Eltern, ohne Lehrer, ohne Jugendamt. Aber meinen Sie nicht, dass sie irgendwann Handy, Schülervz oder Facebook vermissen könnten?

SB: Ich glaube nicht. Denn schließlich geht nichts über die Natur, nichts über echte Abenteuer, da kann kein Gameboy, kein Handy und kein Facebook mithalten.

KH: Also ist Wummelie doch so eine Art moderne Pippi Langstrumpf?

SB: Ob sie modern ist, weiß ich nicht. Modern wäre es ja, wenn Wummelie einen Computer bei sich hätte. Oder ein Handy, mit dem sie dann natürlich sofort ihre Eltern anrufen würde: Wo seid ihr? Ah, auf dem dritten Flussarm von links? Ich bin gleich da … Damit wäre es wahrscheinlich eine sehr kurze Buchreihe geworden (lacht) und viele Abenteuer blieben unerzählt. Also, so gesehen ist Wummelie eher altmodisch, sie führt ihre neu gewonnenen Freunde immer wieder zurück in die Stille, in die Wälder, sie zeigt ihnen, was wirklich wichtig ist im Leben.

KH: Kinder brauchen also Phantasie. Und Geschichten. Das erinnert mich ein wenig an Bruno Bettelheims Buch „Kinder brauchen Märchen“.

SB: Ich bin, offen gestanden, kein sehr großer Freund von echten Märchen. Mir sind sie meistens zu brutal und auch oft enden sie ungerecht und die Handlung ist unlogisch. Bei mir muss es immer gerecht zugehen. Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker. Oder finden Sie es gerecht, wenn die Prinzessin im „Froschkönig“ dem Frosch alles verspricht (Tellerchen goldenes, Freund sein, Bettchen schlafen) und dann nichts davon einhält. Ja, und als sie ihn schließlich auch noch an die Wand knallt, da verwandelt er sich in einen wunderschönen Prinzen, den sie dann bekommt und sein Königreich noch dazu. Also, unter gerecht verstehe ich etwas anderes. Deshalb habe ich das Märchen schon mehrmals umgeschrieben - bei mir lässt der Prinz die Prinzessin stehen und sagt: „Ne, ne Prinzessin, mit mir nicht, ich such mir eine, die hält was sie verspricht!" So geht die Geschichte in einer Kinder CD aus, die ich getextet habe.

KH: (lacht) Eine interessante Variante. Aber mal ein Schlenker: Sie sind von der Ausbildung her Schauspielerin. Was hat Sie eigentlich dazu gebracht, Kinderbücher zu schreiben? Geschichten zu erfinden statt sie zu spielen?

SB: Das war schon immer mein Traum, schon als Kind habe ich ständig Geschichten erfunden, aufgeschrieben, mit meinen Marionetten aufgeführt oder nachgespielt. Ich glaube, das Schreiben hat auch viel mit der Schauspielerei gemeinsam. Ich fühle mich in eine Rolle, einen Protagonisten hinein und beschreibe, was er fühlt, wie er ist. Manchmal läuft beim Schreiben ein Film vor meinen Augen ab und ich höre und sehe die Personen miteinander sprechen.

KH: Sie sagen, Sie hätten Wummelie gemeinsam mit Ihrer Tochter erfunden. Kann man daraus schließen, dass Ihre Kinder die ersten Kritiker und Lektoren Ihrer Bücher sind?

SB: Meine Kinder sind Inspiration für mich und die ersten und gleichzeitig schärfsten Kritiker meiner Geschichten. Die nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn ihnen irgendetwas unlogisch erscheint oder nicht gefällt. Meine Tochter liebt es, für die Nebendarsteller meiner Geschichten Namen zu erfinden. Und dann ist sie ganz stolz, wenn ich Ideen von ihr aufgreife.

KH: Sie haben vor Wummelie schon einige Ratgeber veröffentlicht, darunter den sehr erfolgreichen Titel "Ein Löffelchen voll Zucker". Kann man sagen, auch dieses Buch würde es nicht geben, wenn Sie NICHT Mutter wären?

SB: Ja, ich glaube, "Ein Löffelchen voll Zucker" kommt nur deshalb so gut an, weil die Leser spüren, dass ich mit Leib und Seele Mutter bin, mit allen Schwierigkeiten, wie jede andere Mutter auch. Warum schreiben denn so viele Männer Erziehungsratgeber, die dann auf den Bestsellerlisten landen? Weil die Frauen keine Zeit dazu haben - sie müssen ja inzwischen erziehen. Mein Prinzip ist, dass ich nur schreibe, was ich mit meinen eigenen Kindern erlebt und gelebt haben.

KH: Und Sie hatten trotz der Erziehungsaufgaben Zeit zum Bücherschreiben?

SB: Man muss Prioritäten setzen. Niemand hat mehr Zeit für irgendetwas - man muss sich die Zeit nehmen. Dafür bleiben andere Dinge auf der Strecke. Bücher lesen zum Beispiel - aber ich habe nicht aufgehört, mir die Bücher, die ich gern lesen will, zu kaufen; sie stapeln sich in meinem Regal und warten darauf, gelesen zu werden. Irgendwann. Die Kindheit meiner Kinder wartet nicht - deshalb hat sie für mich die oberste Priorität. Und wenn man sich das Löffelchen voll Zucker ansieht, konnte ich so viel mit meinen Kindern zusammen sein, wie sonst vielleicht nicht - denn sie waren beim austesten, faxen machen, kochen, backen, basteln usw. ja immer dabei!

KH: Sie verstehen sich also in erster Linie als mit Phantasie begabte Mutter, nicht als Psychologin oder Erzieherin, oder habe ich das falsch verstanden?

SB: Ich bin keine Psychologin und auch keine Erzieherin. Ich habe das nicht gelernt. Ich versuche auf mein Herz und mein Bauchgefühl zu hören. Klar mache auch ich Dinge in der Erziehung falsch – aber das geht ausgebildeten Erziehern sicher nicht anders.

KH: Ihr Motto lautet aber nicht: "Kinder brauchen Grenzen!"?

SB: Doch, es ist nur die Frage, wie man dieses Motto mit Leben füllt. Ich finde schon, dass Kinder unbedingt Grenzen brauchen. Kinder sind glücklicher, wenn sie Grenzen haben. Sie wissen: hier ist Schluss, weiter darf ich nicht. Selbst wenn ich überwiegend Phantasie, Spaß und Liebe einsetze, funktioniert Erziehung auch hier nur mit Grenzsetzungen.

KH: Mit Phantasie und Liebe arbeiten Sie, weil Sie – Selbsteinschätzung – eine „schlechte Schimpferin“ sind. Was empfehlen Sie anderen "schlechten Schimpferinnen", die nicht genügend Zeit oder Phantasie haben, um Geschichten zu erfinden - sei es in der Erziehung, sei es zum Vorlesen vor dem Schlafengehen?

SB: Sie können sich zum Beispiel von meinen Büchern inspirieren lassen. Die Ratgeber etwa sollen keine Gebrauchsanleitungen sein, sie sollen inspirieren und Mut machen, die Dinge mal aus den Augen anderer zu sehen, mal anders zu reagieren, als man normalerweise als "Mutter" reagieren würde.

KH:
Geschichten erfinden und erzählen spielt auch in den Ratgebern eine große Rolle. Kann man sagen, das Prinzip, das Ihre Kinderbücher leitet, ist dasselbe, das auch Ihr - nennen wir es ruhig einmal so "staatstragend" - Modell einer richtigen und zeitgemäßen Erziehung bestimmt?

SB: Ich glaube, in jedem meiner Bücher (selbst wenn ich einen Ratgeber über Politik schreiben würde, was ich wahrscheinlich niemals tun werde), steckt immer dasselbe drin: Spaß, Liebe und Phantasie. Aber davon kann man doch nie genug bekommen - oder?

KH: Ein schönes Schlusswort - wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


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