Interview mit Tommy Krappweis

Anlässlich des Erscheinens seines ersten Jugendromans "Mara und der Feuerbringer" hat der Autor Tommy Krappweis am 16.09.2009 ein Interview gegeben.


I N T E R V I E W   M I T   T O M M Y   K R A P P W E I S 

L: Herr Krappweis, von Bernd das Brot zur Midgardschlange – wie kam es denn dazu?

TK:
Naja, der Weg war nicht so direkt. Mit meiner Firma bumm film mache ich ja nicht nur Bernd das Brot, wir arbeiten auch für die prosieben Märchenstunde oder die Funny Movies, drehen Comedy für den Disney Channel und entwickeln neue Formate. Und als ein TV-Sender nach einer deutschen Mystery-Serie suchte, haben wir uns auch Gedanken gemacht. Ich wollte etwas Deutsches oder zumindest Europäisches als Basis, nicht die üblichen Vampire oder Poltergeister, wie man sie in jeder amerikanischen Serie bekommt. Und so stolperte ich geradewegs hinein in die nordisch-germanische Mythologie.

L: Gab es in diesem Ur-Konzept schon die 14-jährige Mara?

TK:
Mara kam dazu, als ich auf der Suche nach einem Protagonisten feststellte, dass der männliche Student in meinem Kopf nicht richtig funktionieren wollte. Außerdem hatte er als Erwachsener viele Möglichkeiten, die eine Vierzehnjährige nicht hat. Somit müssen die Probleme und Hindernisse, die er zu überwinden hat, viel größer sein als bei einem jugendlichen Helden. Und dann sind wir ganz schnell wieder bei den üblichen Actionszenen, Verfolgungen und diversen Antworten auf die ewig gleichen Fragen, warum gerade jetzt das Handy nicht funktioniert und warum die Polizei dem Helden nicht glaubt. Das fand ich einfach ermüdend. Und plötzlich steht dieses mürrische Mädchen vor mir, das einfach nur ganz normal sein will und überhaupt keine Lust darauf hat, etwas Besonderes zu sein. Ganz im Gegenteil sogar! Und diese trotzige Heldin wider Willen mit ihrer ganz eigenen Sicht der Dinge war der Durchbruch. Ab da wollte die Geschichte unbedingt geschrieben werden. Egal, ob als TV-Serie, Kinofilm, Comic oder Roman.

L: Wie man sieht, haben Sie sich für den Roman entschieden.

TK:
Ja, und das war die richtige Entscheidung. „Mara und der Feuerbringer“ hat aber trotzdem viele visuelle Komponenten und folgt auch in der Dramaturgie dem Aufbau eines Spielfilms. Außerdem bin ich ein großer Freund von humorigen Momenten inmitten höchster Spannung! Beim Film nennt man das „Comic Relief“ – sozusagen das „witzig- erleichternde Durchatmen“. So richtig konnte und wollte ich den Regisseur und Drehbuchschreiber in mir also auch nicht austreiben.

L: Weil sie insgeheim schon den Film zum Buch im Kopf haben?

TK:
(lacht) Die ganze Zeit! Er läuft auch jetzt gerade wieder! In meinem Gehirnkino! Bitte Ruhe, ich bin grad kurz vor dem Finale … Kann ich ihr Popcorn haben?

L: Ihr Anspruch, nur Fakten über die germanische Mythologie zu erzählen, die dem heutigen Stand der Wissenschaft entsprechen, war ja ziemlich hoch. Wie lange haben Sie denn gebraucht, bis Sie sich in die Thematik eingelesen hatten?

TK:
Ich bin noch dabei. (lacht) Im Ernst, wenn ich das vorher geahnt hätte … dann … hätte ich es vermutlich genau so gemacht. Denn das ist ein so unglaublich spannendes Thema, dass es eher schwer fällt, sich dafür nicht zu interessieren. Und ich hatte ja Hilfe: Professor Rudolf Simek von der Uni Bonn hat mein Manuskript immer und immer wieder durchkorrigiert. Außerdem hat er mir oft weitergeholfen, wenn ich einen Tipp brauchte, wie man die Story durch wissenschaftliche Fakten weitertreiben konnte. Besonders spannend sind für mich ja die vielen Reste der Mythologie im heutigen Leben. Von den Wochentagsnamen angefangen bis hin zum Händefalten beim Beten.

L: Zum Beispiel das Händefalten?

TK:
Ja, die Christen beteten eigentlich mit erhobenen Armen. Die heute typische Haltung mit gefalteten Händen ist eigentlich eine Art „Bittstellerhaltung“ der Germanen und hat sich so erhalten.

L: Eine ähnliche Faszination bei der Vermischung von Mythen, Fiktionen und wissenschaftlichen Erkenntnissen geht ja auch von den Büchern von Dan Brown aus. War das für sie ein Vorbild? Sind die der Dan Brown des Jugendbuchs?

TK:
Was die Verkaufszahlen angeht, fehlen noch ein paar Milliönchen. Aber ehrlich gesagt, geisterte mir Dan Brown oder vielmehr Michael Crichton immer wieder durch den Kopf. Denn beide schaffen ja durch ihre Werke Anreize, sich mit dem jeweiligen Thema zu beschäftigen. Hier durchbricht die Fiktion die Barriere ins reale Leben des Lesers: Du liest ein Buch und es eröffnet Dir ein neues Feld. Darum ist „Mara“ auch keine typische Fantasy. Denn ich habe mir eigentlich nur die Geschichte in der realen Welt ausgedacht – den Rest haben sich Menschen ein paar Jahrhunderte vor mir schon erzählt und danach ihr Leben ausgerichtet. Diese Ursprünge sind Fakten und keine Erfindung von mir. Darum findet man in „Mara“ auch einen Anhang von Professor Simek mit Begriffserklärungen und meine ganz subjektiven Literaturtipps zum Weiterforschen.

L: Gibt dieser Themenkreis denn genug Material her? Immerhin ist ihre Geschichte ja als Trilogie angelegt.

TK:
Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Es gibt noch so viele schöne Fakten und ich kratze im ersten Band gerade mal an der Oberfläche. Ein schönes Beispiel, das noch nicht aufgegriffen wurde: Wir feiern Christi Auferstehung an einem Tag namens Ostern mit versteckten Eiern. In der Bibel findet sich aber weder das Wort „Ostern“ noch irgendein Hinweis auf eierlegende Hasen. Ebenso wie das Datum selbst ist das sozusagen ein heidnisches Erbe inmitten eines christlichen Festes. Einfach gesagt feierten die Germanen diesen Tag schon immer - und man wollte ihnen dieses Fest nicht nehmen. Nur der Grund Fest wurde umgedeutet. „Ja ja, Ihr dürft ja saufen – aber bitte nicht mehr wegen diesem Fruchtbarkeitsquatsch. Ab jetzt geht’s um die Auferstehung. Prost!“

L: Ich nehme an, so hat Ihnen das Prof. Simek nicht erklärt.

TK:
Stimmt! Der darf auf keinen Fall dieses Interview in die Hände bekommen. Hiermit untersage ich die Veröffentlichung.

L: Der Humor scheint ihnen ja trotz all der Fakten nicht abhanden gekommen zu sein.

TK:
Ich hoffe nicht. Im Buch zum Beispiel sorgt dafür Maras esoterisch begeisterte Mutter. Mit dieser Figur hatte ich viel Spaß! Und die Leser hoffentlich auch.

L: Maras Mutter hantiert mit Drahtpyramiden zum Frischhalten von Obst und legt gerne die Hand auf…

TK:
Ja. Und außerdem versucht sie mit Bäumen zu sprechen und gräbt sich schon mal in Rindenmulch ein, um der Erdmutter näher zu sein. Lustig.

L: Basiert das auf persönlichen Erfahrungen?

TK:
Nicht direkt. Aber mehr kann ich dazu nicht sagen, ohne dass mir jemand die Freundschaft kündigt. Oder mich enterbt. Oder erwürgt.

L: Das wollen wir nicht!

TK:
Glauben sie mir: Ich noch viel weniger.

L: Das lassen wir jetzt mal in der Schwebe. Aber sagen Sie, an wen richtet sich ihr Buch nun eigentlich? Dan Brown und Michael Crichton sind ja nicht gerade Jugendbuch-Autoren.

TK:
Die Faszination einer Mischung von historisch-wissenschaftlichen Fakten mit einer spannenden Geschichte ist nicht gebunden an ein Alter.

L: Also sind sie doch der Dan Brown der Jugendbücher?

TK:
Es wäre anmaßend, darauf mit „Ja“ zu antworten. Also antworte ich stattdessen: „Genau so ist es.“ (lacht) Nein, das wäre ebenso vermessen wie falsch. Vielleicht lesen Sie einfach mal das Buch. Hier ich hab ihnen eins mitgebracht.

L: Mit Widmung?

TK:
Ja, ich hab „Für Dich“ rein geschrieben – dann können Sie es weiterverschenken.

L: Herr Krappweis, vielen Dank für das Gespräch.


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